Letzte Änderung: 01.11.2004
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Leistungskurs Abitur 2001

Autor: Seneca

Was bedeuten die Farben?    Was bedeuten die Klammern?

"Quare", inquis, "sapiens philosophiae studiosus est et tamen dives vitam agit?" "Warum", sagst du (2. Person), "bemüht sich ein Weiser um die Philosophie (eifrig wie begierig mit Genitiv) und führt dennoch ein Leben als Reicher (dives ist Nominativ)?
Quid dubii est, quin maior materia sapienti viro sit animum explicandi suum in divitiis quam in paupertate? Welcher Zweifel besteht (Was gibt es an Zweifel - Gen. partitiv), dass ein weiser Mann (Dat. poss.) eine bessere (größere) Möglichkeit hat, seinen Geist im Reichtum zu entfalten als in Armut?
Nam in hac unum genus virtutis est non inclinari nec deprimi, in divitiis et temperantia et liberalitas et diligentia campum habent patentem. Denn in dieser (= Armut) ist die einzige Art der Tugend, sich nicht ins Wanken bringen zu lassen und nicht niedergedrückt zu werden, im Reichtum dagegen° haben Mäßigung, Freigebigkeit und Sorgfalt ein offenes Feld.
Non contemnet se sapiens: Etiamsi fuerit minimae staturae, [esse tamen se procerum] volet. Der Weise wird (Futur) sich nicht verachten / nicht bescheiden sein: Auch wenn er möglicherweise (fuerit ist Potentialis) von sehr kleinem Wuchs (Gen. qual.) ist, wird er trotzdem hochgewachsen sein wollen.
Et exilis corpore valebit, malet tamen [sibi esse corporis robur], et hoc ita, ut sciat [esse aliud in se valentius]. Auch der körperlich (Abl. lim.) Schmächtige wird etwas° gelten, dennoch wird er lieber Körperstärke haben wollen (dass ihm Dat. poss. Körperstärke ist), und dies allerdings° so, dass er weiß, dass anderes in ihm mehr gilt (Gemeint sind wohl die geistige Fähigkeiten)
Malam valetudinem tolerabit, bonam optabit. Einen schlechten Gesundheitszustand wird er ertragen, einen guten natürlich° wünschen.
Quaedam enim, etiamsi in summam rei parva sunt et subduci sine ruina principalis boni possunt, adiciunt tamen aliquid ad laetitiam perpetuam et (ex virtute nascentem) Gewisse Dinge nämlich (quaedam ist n. Pl.) tragen, auch wenn sie unterm Strich nichtig sind und ohne den Einsturz des Hauptgutes (principalis Gen. zu boni) entzogen werden können, dennoch etwas zur dauerhaften und aus der Tugend entspringenden Freude bei (nascentem PPA als Attribut zu laetitiam).
Sic illum afficiunt divitiae et exhilarant ut navigantem secundus et ferens ventus, ut dies bonus et in bruma ac frigore apricus locus. So regt jenen der Reichtum an und macht ihn heiter wie (exhilarant auch als Präd zu ventus etc. zu denken, also ut+Ind.) einen Segelnden ein günstiger und weit° tragender Wind, wie im Winter und in der Kälte ein guter Tag und ein sonniges Plätzchen.
Quis porro sapientium negat [etiam haec, quae indifferentia vocamus, habere aliquid in se pretii et alia aliis esse potiora]?  Welcher der Weisen leugnet ferner, dass auch die Dinge (Pl. n.), die wir die gleichgültigen (=die stoischen Adiaphora, das worauf es im Leben nicht ankommt, grammatisch niicht von indifferentia, ae, sondern Pl. n. vom PPA) nennen,  irgendetwas an Wert (Gen. part.) an sich haben, und dass die einen wichtiger sind als die anderen (Abl. comp.)?
Quibusdam ex iis tribuitur aliquid honoris, quibusdam multum. Bestimmten von ihnen wird (etwas an) Wertschätzung entgegengebracht, bestimmten sogar° viel.
Ne erres itaque: Inter potiora divitiae sunt. Damit du dich daher nicht täuschst: Unter den Wichtigeren ist der Reichtum.
"Quid ergo", inquis, "me derides, cum eundem qpud te locum habeant divitiae, quem apud me?" "Was also," sagst du, "verspottest du mich, obwohl (Sinn!) der Reichtum bei dir den gleichen Stellenwert hat wie bei mir (,den er bei mir hat)?
Vis scire, quam non eundem habeant locum? Willst du wissen, inwiefern er nicht nicht gleichen Stellenwert hat? (lat. Pl. w/divitiae)
Mihi divitiae, si effluxerint, nihil auferent nisi semet ipsas Mir wird der Reichtum, wenn er dahingeschwunden ist (Fut II), nichts wegnehmen außer sich selbst.
tu stupebis et videberis tibi sine te relictus, si illae a te recesserint. Du wirst erstarren und dir vorkommen wie einer, der nicht mehr er selbst ist (und wirst dir ohne dich zurückgelassen erscheinen), wenn jener von dir gewichen ist.
Apud me divitiae aliquem locum habent, apud te summum. Bei mir hat der Reichtum irgendeinen Stellenwert, bei dir den höchsten.
Ad postremum divitiae meae sunt, tu divitiarum es. Kurz gesagt: Ich besitze den Reichtum, du dagegen° bist vom Reichtum besessen. (divitiarum Gen. poss. "du bist des Reichtums")
Desine ergo philosophis pecunia interdicere! Nemo sapientiam paupertate damnavit. Höre also auf, den Philosophen das Geld (Abl. sep.) zu verbieten. Niemand hat die Weisheit zur Armut (Abl. bei Gerichtsverben: Strafe) verurteilt.

von Katja Mayer