Letzte Änderung: 01.11.2004
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Syntaktische Analyse mit Farben und Klammern

Folgende Übersetzungsmethode hat sich bis in mein Studium und in der Unterrichtspraxis bewährt. Auch wenn du gewohnt bist, ganz anders zu arbeiten: Probiere sie einmal aus, ob du damit nicht unter dem Strich besser zurecht kommst.

Ich erfasse zuerst die Struktur durch prüfendes Lesen des ganzen Satzes von links nach rechts, und zwar bevor ich mir Gedanken um die deutsche Bedeutung der Wörter mache. Dazu muss ich den Satz nicht schon übersetzen können, sondern nur die Kasus und die Deklinationen, Infinitive und Partizipien erkennen. 

Hauptsatz, Nebensätze (Subjunktionen und Kommas sind Strukturzeichen), mehrgliedrige Konjunktion (z.B. non solum - sed etiam). Sind die Sätze vollständig (Prädikat!) oder werden sie nach einem Einschub weitergeführt?

Welche Wörter gehören zusammen:  Kasus, Numerus und Genus (abhängig von der jeweiligen Deklination!). Wo steht der Kasus, der von einer bestimmten Präposition gefordert wird? Zu welchem Bezugswort gehört der Genitiv? Wenn ich mir relativ sicher bin, markiere ich die Wörter je nach Kasus/Satzglied. Ich arbeite mit Blei- und Buntstift, die lassen sich radieren. Meine Farben:

Prädikat rot - Subjekt blau - Akk.-Objekt oder Präposition + Akk.: grün - Dat.-Objekt lila 
Ablative: gelb
- Genitive: grau evtl. mit Pfeil (hier «) dem Bezugswort zuordnen 

(1) Filius « Iulii patri hodie magno cum gaudio librum donat pretiosum.
(2) Sic illum afficiunt divitiae et exhilarant ut navigantem secundus et ferens ventus, ut dies bonus et in bruma ac frigore apricus locus.

 Dabei muss selten alles farbig markiert werden. Es reicht, wenn ich den Überblick habe.

Infinitive und Partizipien müssen "ins Auge springen": 

Ist der Infinitiv von Wörtern wie licet, posse, debere abhängig oder liegt ein AcI vor ("Verb vom Kopf" = verba dicendi et sentiendi).

Ist das Partizip (nur im Nominativ!) Teil des Prädikats, z.B. laudati sunt? Wenn nicht: Zu welchem Bezugswort gehört das Partizip (meistens vorher im Text! Übereinstimmung in KNG). Wenn es im Ablativ steht: Ablativus absolutus.

Alle diese Konstruktion werde ich bei der Übersetzung in einen Nebensatz (mit dass, als, nachdem) auflösen. Dabei hilft mir die sogenannte geschlossene Wortstellung: Alles, was zwischen Participium coniunctum und Bezugswort steht, gehört bei der Übersetzung in den Nebensatz. Deshalb lassen sich solche Konstruktion durch Klammerung markieren:

(Hac oratione adducti) inter se fidem et ius iurandum dant, et [<regno occupato> per tres potentissimos ac firmissimos populos totius Galliae sese potiri posse] sperant.

[AcI] - die Klammern umschließen den Teil des Satzes, der in den dass-Satz aufgelöst wird. Sie öffnet sich oft unmittelbar nach dem übergeordneten Verb "vom Kopf" und schließt meist nach dem Infinitiv. Manchmal steht das Verb, von dem der AcI abhängt, aber auch nach dem Infinitiv, wie im obigen Beispiel. In wenigen Fällen steht dieses Verb auch mitten im AcI.

[ ... totius Galliae sese potiri posse] - ..., dass sie sich ganz Galliens bemächtigen können

(Participium coniunctum) - die Klammern umschließen den Teil des Satzes, der in einen Relativ- oder Adverbialsatz (als, weil, obwohl ...)  aufgelöst wird. Sie öffnen sich meist unmittelbar nach dem Bezugswort und schließen nach dem zugehörigen Partizip (geschlossene Wortstellung!). Wenn - wie im obigen Beispiel das Bezugswort im vorigen Satz zu suchen wäre, kann das PC nicht mit einem Relativsatz aufgelöst werden, sondern mit als, da, nachdem etc. oder Beiordnung.

(Hac oratione adducti) - Weil sie durch diese Rede verführt worden sind, ...

<Ablativus Absolutus> - die Klammern umschließen den Teil des Satzes, der in einen Nebensatz aufgelöst  wird - oder eleganter: in einen Präpositionalausdruck.

<regno occupato> - ..., nachdem sie die Königsherrschaft an sich gerissen haben, / nach der Aneignung der Königsherrschaft ...

Mit etwas Übung kann man diese Prüfungen schon beim ersten, aufmerksamen Durchlesen abarbeiten - und erst dann mache ich mir Gedanken, was die Wörter heißen können. (Nur so kann ich übrigens Fallen, wie ora - Küste / bete! / Gesichter vermeiden)

Anwendung dieser Methode im Abitur 2001

von Katja Mayer